Ein Wust an Fragen, ungeahnte Hemmschwellen und Forderungen mit Schmackes

Barcamp zum digitalen Nachlass zeigt: ein hoch komplexes Thema mit maximaler Eigenverantwortung

Am 4. November 2017 fand im Burda Bootcamp in München das digina Barcamp statt. Das zentrale Thema: Unser digitales Leben und was nach unserem Tod damit passiert. Ein Vorgeschmack auf die digina Konferenz, die am 16. November 2017 in den Räumen von Microsoft in München tagt.

Zu Gast im Burda Bootcamp: digina Barcamp am 04.11.2017 in München

Die Teilnehmer gingen mit mehr Fragen nach Hause, als sie gekommen sind: Der Themenkomplex digitaler Nachlass ist – gelinde gesagt – eine nach allen Seiten offene Baustelle. “Technisch, rechtlich und moralisch liegt vieles im Argen”, stellt Co-Veranstalter Mario C.G. Juhnke fest. Doch was erwarten wir von einem Thema, zu dem es noch nicht einmal eine allgemein gültige Definition gibt? Das im Duden noch nicht existiert, obwohl der Duden selbst ein digitales Vermächtnis darstellt? Wir erwarten, dass wir uns endlich gesamtgesellschaftlich damit auseinandersetzen. In den Schulen, in den Familien, in den Unternehmen, in der Politik, in der Öffentlichkeit. Und wir erwarten technische Standards, denen wir unser digitales Leben guten Gewissens anvertrauen können. So das Fazit des digina Barcamps nach einer aufregenden Berg-und-Talfahrt der Gedanken.

Bestandteile der digitalen Erbmasse

Ein Thema, das an die Substanz geht
Nur ein winziger Bruchteil aller Fragen, die die Barcamp-Teilnehmer hatten, konnte tiefergehend diskutiert werden. Mit welchem Ergebnis? Naja. Gleich die erste Session scheiterte an der Definition „Was ist digitaler Nachlass?“, die zweite schlug sich mit einer ersten Status-Quo-Aufstellung beteiligter Stakeholder ganz gut, die dritte zum Thema Sensibilisierung der Öffentlichkeit ließ die Emotionen brodeln und bei den Themen Datenschutz und Zukunftsvisionen kam beinahe Verzweiflung auf. Wer dann noch in der Session saß, in der diskutiert wurde, welche möglichen Praxislösungen es aktuell gibt, verlor schließlich den letzten Rest Zuversicht. Dabei waren sich alle einig: Es muss doch eine Lösung geben, und zwar zeitnah, denn wir sind alle betroffen – sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch die Politik tut sich ja insgesamt mit dem klobigen Riesen namens Digitalisierung schwer.

Der Widerspenstigen Zähmung?
Warum ist das Thema eigentlich so „eigenwillig und sperrig“, wie es Co-Initiatorin Sabine Landes liebevoll bezeichnet? Weil es an unsere Substanz geht. Weil es unser Leben komplizierter macht. Weil sich die meisten von uns bisher noch nicht einmal dazu überwinden können, sich mit der „normalen“ Vorsorge zu befassen. Und jetzt auch noch die digitale Datenflut zu kontrollieren versuchen? Aussichtslos! Und überhaupt, wo soll man denn da anfangen? Wie finde ich überhaupt heraus, wo ich welche Spuren hinterlasse? Wie entscheide ich, wer meine Daten später verwalten soll und wie kann ich denjenigen – oder diejenigen – darauf vorbereiten? Wie kann ich schon zu Lebzeiten Entscheidungen treffen oder sogar schon jetzt ausdünnen und Datenmüll wegschmeißen? “Wenn wir uns digital treiben lassen, sind wir eben auch nur digitales Treibgut”, stellt einer der Teilnehmer fest, der sich in der Runde für eine neue Art der “Digicontrol” einsetzt.

Tausend Fragen, massig Themen und viel zu wenig Zeit. Personen v.l.n.r.: Dennis Schmolk, Sabine Landes, Alexander Pinker

Denk nicht an dich, sondern an die, die du hinterlässt
Gemäß dem Motto „Nach mir die Sintflut“ legen viele von uns die Vorstellung vom Tod schnell zu den Akten. Aber ist das nicht zu egoistisch gedacht? Die Motivation zur Vorsorge kommt spätestens dann auf, wenn man an seine Liebsten denkt und daran, wie man sie auf seinem Haufen Daten sitzen lässt. Möchten wir ihnen neben der Trauer wirklich noch mehr aufbürden? Wie kann digitale Trauerkultur konkret aussehen? Und welches Bild von uns hinterlassen wir überhaupt? Ist unsere digitale Identität möglicherweise eine andere? Sind wir beispielsweise beim eDating oder im Bereich Gaming nicht manchmal ganz bewusst jemand anders?

Business absichern und digitale Werte schützen
Für Unternehmer und Unternehmerinnen zeichnet sich noch ein ganz anderes Bild. Was geschieht, wenn Mitarbeiter ausscheiden und eine digitale Präsenz hinterlassen? Oder wenn der Datenverantwortliche ausscheidet? Oder sogar die Führungsebene? Um was müssen sich Selbstständige, Freiberufler und Kleinunternehmer kümmern, bei denen sich Privates und Geschäftliches meistens vermischt? Eine große Frage beim Barcamp stellte die Vererbbarkeit des Status und der Reichweite dar. Wenn Accounts vererbt werden, umfasst das auch die Kontakte, die Listen, die Verteiler, die Netzwerke? Was ist mit Artikeln, Fotos und Apps, die vom Verstorbenen kreiert wurden?

Ergebnisse des digina Barcamps zum digitalen Nachlass: Annäherung an die Definition, Stakeholder-Matrix und ein Forderungskatalog
Ergebnisse des digina Barcamps zum digitalen Nachlass: Annäherung an die Definition, Stakeholder-Matrix und ein Forderungskatalog

Eine Annäherung an die Praxis
Natürlich wollten alle Barcamper wissen: Was können wir schon heute für unseren digitalen Nachlass tun? Da es gegenwärtig noch keine perfekte Lösung gibt, ist raffiniertes Kombinieren gefragt. Eine Mischung aus Passwortmanager und Masterpasswort an unterschiedlichen Stellen und in unterschiedlichen Speichern wäre denkbar, wie es beispielsweise Dennis Schmolk umsetzt. Das setzt aber technisches Vorwissen voraus: Wie sichere und schütze ich heute meine Daten so, dass sie auch in zehn, 20 oder 50 Jahren noch entschlüsselt und gelesen werden können? Welche Datenträger kommen in Frage und wie stark vertraue ich der Cloud? Wenn meine Daten auf amerikanischen Servern liegen, inwieweit greift dann überhaupt das deutsche Erbrecht?

Forderungen an die Politik, die Gesellschaft und jeden Einzelnen
Nach einem intensiven Barcamp-Tag kristallisierten sich konkrete Forderungen heraus: Es braucht eine neutrale Organisation als Träger der Mission, die Öffentlichkeit zum digitalen Nachlass zu sensibilisieren. Die Botschaften müssen als gesellschaftliche Verantwortung direkt in die Familien, in die Schulen und in die Unternehmen. Darüber hinaus muss es hartnäckige Lobbyarbeit geben, mit der auch die Politiker selbst nach ihrem digitalen Nachlass gefragt werden. Und alle waren sich einig: Ohne einen allgemeingültigen technischen Standard, durchgesetzt durch ein spezielles Konsortium, sowie ein international einheitliches Rechtskonstrukt geht es nicht.

Ausgepowert aber zufrieden: die Veranstalter des digina Barcamps bedanken sich bei allen Teilnehmern (v.l.n.r.): David Sporer, Sabine Landes, Alexander Pinker, Dennis Schmolk, Mario C.G. Juhnke
Ausgepowert aber zufrieden: die Veranstalter des digina Barcamps bedanken sich bei allen Teilnehmern (v.l.n.r.): David Sporer, Sabine Landes, Alexander Pinker, Dennis Schmolk, Mario C.G. Juhnke

Weitere Berichte zum digina Barcamp:
“Sei kein digitaler Zombie” Barcamp-Resümee von Webkönigin Monika Thoma

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